Die Reise der Sandbank

Irgendwie hatte sie es satt. Auf den ersten Blick schien alles perfekt. Der Ort, das Wetter, besser hätte sie es eigentlich nicht treffen können. Die Menschen kamen jeden Tag in Massen, hatten ihren Spaß und surften auf ihrem Rücken, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt. Die Sandbank überkamen Zweifel, täglich wurden es mehr. Was, wenn das nicht alles war? Wenn es irgendwo auf der Welt einen Ort gäbe, an dem die Menschen ihre Anwesenheit nicht für selbstverständlich nehmen würden? Was, wenn es irgendwo auf dieser Welt einen Ort gäbe, an dem die Menschen dankbar wären und sich jeden Tag über sie freuen würden, wie am ersten Tag?

Ein paar Wochen hielt sie es noch aus, dann nahm die Sandbank ihren ganzen Mut zusammen, packte sorgfältig jedes Sandkorn in die alten Fischernetze, die sie gesammelt hatte und nahm bei Sonnenuntergang den Golfstrom in Richtung Norden. Unterwegs malte sich die Sandbank aus, wie ihre Zukunft wohl aussehen würde. Sie geriet ins Träumen und unter dem leichten Schaukeln des Wassers fielen die letzten Jahre von ihr ab, als wären es Felsbrocken. Die Sandbank fühlte sich auf einmal unendlich leicht und schlief ein.

Nach einigen Tagen wurde die Sandbank aus ihrem tiefen Schlaf gerissen. Als sie richtig wach wurde war es unangenehm kalt. Ihre Reise endete an einem Bollwerk aus Stein, das Menschen ins Meer hineingebaut hatten. Sie musste sich erst einmal sammeln, als schon aus allen Richtungen Robben, Krebse und Möwen zur Hilfe eilten. „Hej, ist Dir etwas passiert?“ fragten sie, doch außer dem „Hi“ verstand die Sandbank kein Wort. Mit Händen und Füßen fingen sie an sich zu verständigen und je lustiger der Tag wurde desto mehr fühlte sie sich angekommen. Als die Ebbe den Blick auf das Land freigab war die Sandbank wie verzaubert. Die Meeresbewohner baten sie zu bleiben und ohne lange zu überlegen entschied sie sich angekommen zu sein. Dies schien der Ort ihrer Träume zu sein. Sie grinste vor Glück, verkroch sich am Ende des Tages glücklich unter die Wasseroberfläche und schlief, erschöpft aber zufrieden ein.

„Herzlich Willkommen in Dänemark!“

Tage später hatten auch die Menschen an Land die Sandbank wahrgenommen. Am Anfang schauten sie noch interessiert, doch schnell kamen die ersten kritischen Stimmen. Sie sagten, dass es früher besser gewesen sei, als die Sandbank noch nicht da war. Immer öfter sah man sie in den nächsten Wochen am Strand stehen, mit den Fingern in Richtung Sandbank zeigen und abfällige Bemerkungen machen. Als die ersten Herbststürme aufzogen sah sie ihre Chance gekommen den Landbewohnern zu zeigen, dass sie keine Angst vor ihr zu haben brauchten. Die Sandbank baute sich auf, machte sich so stark sie konnte und hielt jeden noch so kräftigen Brecher von der Küste fern, so wie sie es von zu Hause gewohnt war. Die Menschen allerdings schienen dies nicht zu bemerken. Immer, wenn sich ein Sturm gelegt hatte erschienen sie wieder am Strand und schrien sie solle abhauen. Zum Glück waren die Meeresbewohner von anderer Natur. Zusammen hatten sie immer eine gute Zeit und wenn die Sandbank traurig wurde oder sich einsam fühlte bauten sie ihre neue Freundin wieder auf.

Als die Stürme zunahmen und von mal zu mal stärker wurden überlegte die Sandbank ob es vielleicht besser wäre zurückzukehren. Was, wenn sie diesem Ort einfach nicht willkommen war? Was, wenn sie wirklich für die Probleme der Menschen an Land verantwortlich war? „Quatsch“, sagte ihre Freundin die Qualle und wirbelte dabei Sand auf, als sei eine von den verrosteten Mienen explodiert, die seit dem 2. Weltkrieg am Meeresgrund liegen. „Wir alle brauchen Dich hier, wir sind doch Freunde und … und … du siehst doch was da an Land los ist. Der halbe Strand ist schon weg und alle anderen Sandbänke sind kaputt oder abgehauen“, schnaufte sie mit panischem Blick. „Nur Du kannst diesen Ort in dieser Situation beschützen. So schlimm war es noch nie!“

Der Sturm dauerte Tage, in denen sie sich mit der Unterstützung sämtlicher Freunde gegen die Brandung lehnte, als ginge es um die Rettung der Ozeane. Sie feuerten sich an, sie stopften undichte Stellen und verstärkten die Sandbank mit Muscheln wo sie nur konnten, bis nach einer Woche der Wind auf einmal nachließ, die Wolken am Himmel verschwanden und das Wasser ganz ruhig wurde. So ruhig, wie die Sandbank es das letzte mal in ihrer alten Heimat erlebt hatte, wenn die Familien an den Strand kamen, Beachball spielten und die Surfer mit der sauber brechenden Brandung spielten. Der Sandbank wurde warm ums Herz und sie verlor sich in Träumen an ihre alte Heimat.

„Sieht fast so aus, als wenn sie Dich doch mögen“, lispelte eine Krabbe im vorbeischwimmen. „Und die Presse ist auch da“, grinste ein Fisch. Am Strand hatten sich die Bewohner des Ortes versammelt. Die Fischer begutachteten ihre Schiffe und erzählten von den Schäden in der Umgebung und dass ihr Ort nur wegen der neuen Sandbank verschont worden sei. Die Surfer am Strand machten Fotos und sagten mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Das sieht ja aus wie am Atlantik!“

Glücklich lag die Sandbank in der Sonne und bei jeder Welle die über ihr zusammenbrach applaudierten die Landbewohner und nickten wohlwollend in ihre Richtung. „Herzlich Willkommen in Dänemark!“, kreischte eine Möwe. „Danke, ich glaube ich bin jetzt wirklich angekommen“, antwortete die Sandbank.

Kommentieren