Museum Tinguely in Basel

Eigentlich dachte ich immer mein Lieblingskünstler wäre Erwin Wurm und er hätte diesen Status auch mehr als verdient. Wie gut ich aber die Arbeiten von Jean Tinguely fand, hatte ich schon fast wieder vergessen. Um ehrlich zu sein, hatte ich sogar vergessen, dass die Werke, die sich damals im Kunstunterricht begeisterten, überhaupt von Jean Tinguely waren. Ich erinnerte mich grob an einen „Franzosen der Maschinen herstellte, die nichts produzierten“. Diese Idee und vor allem die Umsetzung fand ich sowas von beeindruckend, dass dieser Künstler seither die Nummer eins, mein Most Favourite Artist, sein musste. Er, der Franzose, damals aus dem Kunstunterricht.

Das Museum Tinguely, Basel

Viele Jahre später beantwortete ich die Frage nach meinem Lieblingskünstler mal wieder mit der Story vom „Franzosen“, über den ich damals im Kunstunterricht diesen Film gesehen hatte, erntete Achselzucken und legte mich dann einfach auf Erwin Wurm fest. Bei dem war ich mir sicher, dass er es war, dass es seine Arbeiten waren, die mir gefielen. Wir waren in der Schweiz und ich war froh, dass mir spontan ein Schweizer Künstler eingefallen war.*

Das war im vergangenen Jahr. Wir waren gerade zurück von der Art Basel und im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass ich im Kunstunterricht wohl nicht besonders gut aufgepasst hatte. Zurückblickend belegen das auch meine Schulnoten. Der Name Jean Tinguely sagte mir nichts aber die mechanischen Skulpturen des berühmten Schweizers kämen nah an meine Erinnerungen. Ihm wäre in seiner Heimatstadt Basel sogar ein ganzes Museum gewidmet worden. Außerdem gäbe es einen weltbekannten Brunnen mitten in Basel und seine Skulpturen fände man unter anderem auch im Stadtbild von Zürich.

Bonnie & Clyde der Kunst

Als schlussendlich der Film von ihm und der Künstlerin Niki de Saint Phalle auf Youtube startete, wäre ich vor Scham am liebsten im Zürisee untergegangen aber erfreute mich an jeder einzelnen Szene. So wie damals, als ich mit großen Augen im Klassenzimmer saß, mir die Bildwelten der kinetischen Konstrukte Jean Tinguelys ansah und mich dabei wieder in meine eigene Gedankenwelt zurückzog, in der ich mich als Jugendlicher am sichersten fühlte.

Fasnachtsbrunnen von Jean Tinguely, Basel

Den Namen des Künstlers hatte ich vergessen, ihn einem falschen Land zugeordnet aber Jean Tinguelys epische Bildwelten hatten sich für immer in meinem Gedächtnis abgespeichert. Die Wanderung in den Alpen hatten wir witterungsbedingt auf den nächsten Tag verschoben und mit dieser Geschichte zu meinem Lieblingskünstler konnte ich Jan und Christine überzeugen mit mir einen spontanen Sonntagsausflug von Zürich nach Basel zu machen, wo wir zuerst den besagten Fasnachtsbrunnen anschauten, dessen mechanische Darsteller unterschiedlichste Charaktereigenschaften zu haben schienen, in denen wir uns jeweils wiederfanden.

Bei bestem Wetter setzten wir im Anschluss auf traditionelle Art an das andere Ufer des Rheins über. Machten einen Spaziergang am Fluss entlang, bis zum Museum, wo wir uns bei bestem Spätsommerwetter erstmal mit Erfrischungsgetränk und Kuchen belohnten.

Rheinfähre in Basel. Invader Installation am Rheinufer in Basel.

Im Museum Tinguely

Das Museum Tinguely ist ganz dem Leben und der Arbeit von Jean Tinguely gewidmet. Die dauerhafte Ausstellung mit Skulpturen, Zeichnungen und Skizzen des Künstlers wird ergänzt durch temporäre Ausstellungen von Wegbegleitern und Künstlern oder Themengebieten, mit inhaltlichen Überschneidungen zu den Arbeiten Jean Tinguelys. Die gezeigten Werke stammen zu einem Großteil aus einer Schenkung von Niki de Saint Phalle, der Witwe des Künstlers. Die gemeinsamen Zeichnungen von ihr und ihrem Mann gehörten für uns zu den kleinen Highlights des Museums.

Skulptur von Jean Tinguely in Museum Tinguely

Die großen Highlights waren schon beim Betreten des Museums zu hören. Aus allen Etagen des Hauses waren die ratternden, hämmernden und quietschenden Geräusche der riesigen Installationen zu hören, mit denen Jean Tinguely weltberühmt geworden war. Mit jedem Start der Motoren fingen die Skulpturen an zu leben. Mal fleißig, mal hektisch, teilweise stoisch oder auch träge. Immer jedoch mit Humor, einer überraschenden Ironie und individuellen Charaktereigenschaften, wie wir sie schon am Brunnen in den einzelnen Objekten entdeckten. Für Besucher endet der Rundgang im Museum Tinguely im größten Raum des Hauses und für uns mit dem Besteigen der Méta-Harmonie.

Skulpturen von Jean Tinguely.

Im Museum Tinguely Die Méta-Harmonie von Jean Tinguely

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal mit so weit aufgerissenen Augen vor Kunstobjekten stand, wie die Kinder, die vor uns eine Maschine nach der anderen zu Leben erweckten. Es war ein beeindruckender Einblick in die phantastische Welt von Jean Tinguely und während wir es uns im komfortablen Hochgeschwindigkeitszug bequem in Richtung Zürich machten, musste ich kurz darüber nachdenken, wo sie denn sind, die Querdenker, die nicht nur an offiziellen Karnevalstagen auf dampfenden, stampfenden, quietschenden, krawallmachenden, selbstgebauten Fortbewegungsmitteln durch die sauberen Innenstädte ziehen und dabei Trompete spielen. Auf der Kunstmesse im vergangenen Jahr waren sie nicht oder ich hatte einfach mal wieder nicht richtig aufgepasst.

Jean Tinguely Klamauk, Foto: Museum Tinguely

Fotos: Museum Tinguely

Alle weiteren Infos hier auf der Website des Museums!

* Ja, Spaß. Erwin Wurm ist natürlich Österreicher.

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