Südafrika – Von Kapstadt an die Wild Coast

Bevor ich in Südafrika gelandet bin war ich monatelang in Gedanken in den Wäldern Alaskas unterwegs. Ausgerüstet mit einer Angel und einem Pflanzenbestimmungsbuch, inspirierenden Zeilen aus „Into the Wild“ und dem Traum Polarlichter zu sehen. An diesem Punkt scheiterte es diesmal allerdings am Geld. Der Flug nach Alaska und zurück ins heimelige Berlin hätte mich ein kleines Vermögen gekostet und so wurde Südafrika innerhalb weniger Tage zu meinem neuen Alaska. Die dichten Wälder und deren bärige Bewohner transformierten sich in Traumgestalten aus tiefen Ozeanen und einer Großfamilie von Delfinen. Wie sooft im Leben werden wir letztendlich von etwas gefunden, welches wir zu suchen nicht auf die Idee gekommen wären. So oder so ähnlich verhält es sich für mich oftmals mit Ländern. Auf einmal fallen sie mir auf und genauso schnell will ich dann auch hin.

Eine Bekannte erzählte mir von einem Ort in der Transkei. Irgendwo im Nirgendwo. Ein wunderschönes Nirgendwo namens Lubanzi. Ein kleines Dorf direkt an der südafrikanischen Küste. Innerhalb weniger Tage stand fest: Dort werde ich für einen kurzen Zeitraum einfach nur sein und gegen Kost und Logis überwiegend in der Küche arbeiten. Bevor mich eine lange Busfahrt zu dem kleinen Paradies namens „Wild Lubanzi“ chauffierte, verbrachte ich eine knappe Woche in Kapstadt. Ich komme nicht umhin ein bisschen stolz zu erwähnen das ich für einen Monat Südafrika keinen Cent für eine Übernachtung habe investieren müssen. In Kapstadt ließ mich ein überaus charmanter Klempner, der ganz nebenbei noch Schrottkünstler ist, in seiner WG in Observatory wohnen. Gefunden habe ich ihn bei Couchsurfing. Besser hätte ich es nicht treffen können.

Kapstadt ist mein erstes Mal Afrika und dennoch habe ich das Gefühl ich bin in einer Stadt irgendwo in Europa. Das haben diese Städte so an sich, wie ich es in meinem Bericht über Paris schon einmal erwähnte. Unterschiede gibt es überall, doch die Struktur einer Stadt hat einen kollektiven Wiedererkennungswert, ganz egal auf welchem Kontinent. Kapstadt erscheint mir wie ein infrastrukturelles Phänomen als ich einen der Townships streife. Diese in sich isolierten Enklaven der Armut sind zugleich eine Touristenattraktion. So ganz erschließt sich mir nicht wie man Geld dafür bezahlen kann um sich durch das Elend von Individuen führen zu lassen.

Durch Kapstadts Adern fließt internationales Blut und die noch existierenden Reste der Apartheid. Zum Zeitpunkt meiner Reise ist die Stadt jedoch Welt-Designhauptstadt und verdrängt belastende Historie hinter modernem Design und exklusiven Events. Das Fest dieser Auszeichnung ist an jeder Ecke präsent und lockt das hedonistische, junge Volk aus ihrem Alltagstrott. Es ist eine schöne Gelegenheit für mich durch verschiedenste Galerien, Bars und Läden zu flanieren und dabei über diese nicht zu überspürende Exklusivität zu staunen. Viele der Kunstprojekte, die sich hier präsentieren sind auf irgendeine Art und Weise mit einem guten Zweck verbunden, um südafrikanische Armut zu bekämpfen.

Fünf Tage Kapstadt sind nicht genug, aber ich hole dabei raus was es zu holen gibt. Und da gibt es einiges. Die Küste Kapstadts ist wunderschön und ich frage mich mehr als einmal wie es wohl sein muss so nah an einem so malerischen Naturschauspiel zu leben. Es gibt viele Ecken und Wege, die einem den bezauberndsten Blick über das Meer schenken, doch einen ganz besonderen Blick hat man vom Tafelberg aus. Wer den richtigen Zeitpunkt erwischt schließt die kleine Wanderung auf dem Tablemountain mit einem Sonnenuntergang ab und sieht dabei zu wie sich die letzen Sonnenstrahlen ins Tal brennen.

Nach 1200 Kilometern im Bus steige ich in Mthatha aus um in Lubanzi an der Wild Coast meinen Rucksack und meine Schuhe für zwei Wochen abzulegen. Ich bin angekommen. Nicht nur physisch, sondern auch mental fühle ich mich als gäbe es keinen anderen Ort, der mich zu diesem Zeitpunkt besser auffangen könnte. Grasbewachsene Hügel, ein unendliches Meer und ein Himmel in all seiner Schwere, sind der Kosmos des liebevoll gebauten Backpackers. Hier backe ich morgens um halb sechs Brot und kann dabei zuschauen wie Delfine ihre Halbkreise über der Meeresoberfläche ziehen. Zuvor jedoch werden Gänse, Hühner und Katzen gefüttert. Das alles ist wie eine Zeremonie, die ganz zaghaft etwas vom wahren Glück verspricht. Mit den eigenen Händen arbeiten, der Natur nah sein und von ihr lernen und nehmen was sie gibt. Bevor ich Abendessen koche gehe ich in den Garten und schaue was ich für den Salat oder eine Suppe sammeln kann. Ein paar Frauen aus dem Dorf arbeiten ebenfalls dort und es ist trotz der Sprachbarriere eine Freude sie kennenzulernen und für kurze Zeit ein Teil von einem so anderen Alltag zu sein.

Nach meinem Aufenthalt und auf dem Rückweg nach Kapstadt passiere ich noch andere Stationen, wie zum Beispiel das Alexandria Sand Dune Field und den Addo Elephant Park, sowie das Wild Spirit in der Nähe von Plettenburgh Bay. Dieses ist sozusagen die Schwester von Wild Lubanzi und genauso umwerfend, wenn auch anders, da hier Wälder und nicht das Meer verzaubern.

Es gibt einen Kommentar

  1. Heiri

    Mit Freude kann ich jedes einzelne Detail dieses Reiseberichts bestätigen. Ich könnte gleich morgen abfliegen, um die gleiche Tour zum widerholten Mal zu erleben. Die Beschreibung an der Wild Coast, wie man frühmorgens im Wild Lubanzi Backpackers die Natur genießen kann, hat mir einen neuen Blickwinkel eröffnet. Danke

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