Von Tür zu Tür in Talinn

Estland. Allein der Name des Landes lässt mich irgendwie schmunzeln und ich stelle mir etwas kleines, niedliches vor. Talinn lässt sich zwar schlecht knuddeln und kraulen wie ich es vielleicht mit einem Kätzchen tun würde, dennoch gab ich mir Mühe meine Emotionen der Stadt gegenüber so gut es ging in Fotos festzuhalten. Die Innenstadt ließ mich unweigerlich immer und immer wieder an Pipi Langstrumpf denken. Ich hätte mich zumindest wenig gewundert, wenn sie mir auf einmal entgegen geritten wäre. Die Form, die Farben und meine eigene, ausgelassene Energie trugen mich stundenlang durch Straßen, an bunten Häuserwänden vorbei. Als Motiv auf meinen Fotos lassen sich zumeist alte, schwere, reich verzierte und bunt angemalte Türen finden.

Ein wenig beschleicht mich das Gefühl etwas gefunden zu haben, was man noch nicht oft entdeckt hat. Hier gibt es eine durchaus spannende, kreative und urbane, junge Szene, die sich in alten, zerfallenen Häusern aus der ehemaligen Sowjetunion ein charmantes, im Industrial Design daher kommendes Stadtbild zeichnet. Kleine Cafés, bestückt mit alten Sofas und Sesseln, beherbergen Menschen mit Laptops und Stapeln von Büchern vor, neben und hinter sich. Ich bekomme spontan Lust nach Tallinn zu ziehen und würde mich am liebsten gleich für einen ganzen Monat in dem Hostel, in welchem ich glücklicherweise landete, einmieten. Erst war ich ein wenig traurig, dass es mit Couchsurfing nicht geklappt hat, denn es war Last Minute und die Zeit reichte einfach nicht aus. Doch am Ende war ich ganz froh, denn wo ich dann residierte, spiegelte so ziemlich genau meine Traumwohnung wider. Anstatt eines ganz nett eingerichteten Hostels, landete ich in einer riesen Altbauwohnung, die eher so etwas wie eine Hostel-WG darstellte.

Das Zentrum der estnischen Hauptstadt ist vergleichsweise klein und wer es gerne kompakt hat, bleibt wohl eher in den fein säuberlich markierten Bereichen auf seiner Stadtkarte. Es lohnt sich jedoch sehr aus dem Rahmen zu fallen und einen Schlenker in die Wohnsiedlungen zu unternehmen. Entgegen der gewissenhaft sanierten Innenstadt, die sich fein für den Touristen herausgeputzt hat, sind die Randlandschaften der kleinen Stadt authentisch in ihrem Zerfall und der noch markanten Spuren der alten Sowjetunion. Abbruchgelände, Mehrfamilienhäuser und beeindruckend alte, leerstehende Villen reihen sich hier aneinander und lösen eine Mischung aus Faszination und Kälte aus. Diese Straßen fühlen sich nach dem Gewicht der Geschichte an, das auf den Schultern Estlands liegt. Wenn man es genau nimmt sind es noch nicht einmal 30 Jahre, seit Estland wieder ein unabhängiges, sich selbst regierendes Land ist.

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