Wildcampen im Karwendelgebirge oder die Suche nach dem Nichts

Into the wild – mit dem Wissen, dass du alles, was du zum (Über-)Leben brauchst, auf deinem Rücken trägst. Diese Urlaubsform kannte ich bisher nur aus besagtem Film, aber Eddie Vedder begleitete mich seitdem gern auf meinen Rumträumereien vom nächsten Urlaubsabenteuer. Kurz: Wildcampen stand also schon lange ganz oben auf meiner Liste.

Und dann stand ich da. Nicht unbedingt in der Wildnis, aber in einem Nirgendwo namens Vorderriss, am Fuße des Karwendelgebirges zwischen Deutschland und Österreich. Mit meinem Lieblingsmenschen und Rucksäcken fast so groß wie wir selbst, vollgepackt mit allem was man so meint brauchen zu müssen, wenn man sich den Bergen stellt. Dies beinhaltete neben den obligatorischen Utensilien wie Schlafsack, Isomatte, Stirnlampe und Kleidung für jede Wetterlage vor allem Essen. Sehr viel Essen. Sauber logistisch getrennt und verstaut nach Verzehranlässen. Das was wir uns an Shirts und Unterhosen im Vorwege abgeknapst hatten, kam jedenfalls in Form von Bier, Schokolade und frischem Brot wieder oben drauf. Klarer Fall von Prioritäten, wir hatten uns schließlich schon im Vorwege darauf geeinigt, dass es besser ist zu riechen, als zu hungern.

Wir verabschiedeten uns also für die kommenden 5 Tage von unserem Auto und stiefelten hoch in Richtung karwendelscher’ Berg. Ein Hochzeitsfeierkater steckte uns allerdings noch gehörig in den Knochen und mit diesem schweren Freund auf dem Rücken musste man auch erst mal klarkommen. Wir kämpften also nicht nur Schritt für Schritt mit den Höhenmetern, sondern auch immer ein bisschen mit der Schwerkraft – ein tückisch-süßes Paar, das uns die nächste Woche verlässlich begleiten und herausfordern sollte.

Über den königlichen Reitsteig sollte es aus dem Rißtal über die Mosenalm zur Tölzer Hütte gehen. Aber so richtig durchgeplant hatten wir nichts und das war auch gut so. Einfach loslaufen und da unser Lager aufbauen, wo es schön ist – das war die Devise. (Und da, wo es Wasser gibt. Wo wir möglichst nicht gesehen werden. Und es natürlich eine gerade Liegefläche gibt. Ein Leichtes also.)

Nach ein paar Stunden strammen Marschierens über Stock, Stein und Bächlein kamen wir auf ein großes Plateau, welches unsere Kriterien zumindest halbwegs erfüllte. Die Wiese war zwar nass und unser Lager direkt neben dem Wanderpfad – dafür aber gab es eine 1a Wassertränke und einen tollen Blick auf die ersten Gipfel des Karwendel. Unter Anleitung meines persönlichen master of tent schlugen wir unser Lager auf, feierten uns mit köstlicher Thunfischpasta und kaltem Bier und kuschelten uns in unser grünes 2qm Hotel. Wie wenig man doch braucht, um glücklich zu sein. Ein anständiger Schlafsack, eine 3cm Matratze und den Menschen, den man liebt an seiner Seite. Und netflixen im selbstgebauten Heimkino am Zeltdach. Suche den Fehler und doch wieder nicht. Denn das Wissen, dass das Zuklappen der Augen die letzte körperliche Bewegung sein würde, die es noch zu tun galt, ist unbezahlbar und das größte Gefühl überhaupt.

Die Nacht war so, wie das nun mal so ist im Zelt, machen wir uns nichts vor. Unruhig, warm-kalt-warm und schon im Halbschlaf voller Vorfreude auf den Moment, das Zelt aufzumachen und von den Bergen wachgeküsst zu werden. Mit dem Wissen, ganz allein auf 1.700 Metern zu sein und nichts als Natur und Stille um dich herum. Sowas erdet, ruckelt zurecht. Und schaufelt dieses Gefühl frei, das durch Grossstadtstress und Hamsterrad immer mal wieder verschüttet wird – das Gefühl von Freiheit. Hallo du schönstes aller Gefühle, hab dich viel zu lange nicht gespürt!

Campingflow und bimmelnde Freunde

Aber so eine Camping-mit-Rucksack-Geschichte ist auch ein komplexer Apparat aus festen Handlungsabfolgen und klar definierten Zuständigkeiten. Da muss jeder Handgriff sitzen! Sonst passt das Zelt nicht in den Sack, klebt das Porridge verbrannt am Topf oder das mühsam abgeschöpfte Wasser reicht nicht für den Abwasch. Wie schön es sei kann, wenn man wortlos miteinander im Campingflow ist und das fliegende Zuhause auf- und abbaut, als hätten man nie etwas anderes gemacht. Auch eine wertvolle Paarerfahrung.

Gestärkt durch Porridge und Tee mit Milchpulverkrümeln verabschiedeten wir uns von unserem ersten Schlafplatz – überzeugt, dass es bereits der Beste gewesen war und sowieso nicht zu toppen. Wenn wir gewusst hätten, was noch kommen würde! Voller Energie, wie man sie nur an Tag 2 noch haben kann und noch dazu beflügelt von unserer Begegnung mit Wildpferden stiefelten wir hoch in Richtung Schafreuter – unser erster und vielleicht auch härtester von vielen Wegen zum Kreuz.

Das gute an Aufstiegen ist – bevor man so richtig realisiert hat, welchen Schlamassel man sich da eingebrockt hat, ist man mitten drin und kann eh nicht mehr zurück. Und dann konzentriert man sich besser aufs Wesentliche: einen Schritt nach dem nächsten tun, dabei nicht das Gleichgewicht verlieren und bloß genug trinken. Wäre es nicht so irre anstrengend, hätte es fast etwas meditatives, jedenfalls ist man ein bisschen in seiner eigenen Welt – keuchend und stöhnend, um sein Heim auf dem Rücken gefühlt in den Himmel zu tragen – oder eben auf den Schafreuter rauf auf 2100m.

Oben angekommen, belohnte uns eine stolze Brust, eine sagenhafte Aussicht auf das Karwendel und ein Murmeltier, welches einfach so auf dem Stein abhing und uns nicht weiter beachtete. Auch wenn bekanntlich schon der Weg das Ziel ist, wir sollten noch Geschmack finden an diesen Aufstiegen.

Wenn nur nicht die Abstiege darauf folgen würden. Die machen nicht mal halb so viel Spaß, nein mehr noch, sie sind meiner Meinung eigentlich überflüssig! Man rutscht da so unbeholfen vor sich hin und alle Aufstiegseleganz ist dahin und wird durch mieseste Knieschmerzen ersetzt. Nach Sonne kommt immer auch ein bisschen Regen, was soll man machen.

Den Rest des Tages vertrieben wir uns mit Belohnungsradler auf der einzig bewirtschafteten Hütte unseres Urlaubs (Tölzer Hütte) und mit der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz Numero Zwei. Und was soll ich sagen – es war ein grandioser und natürlich der Beste den wir je hatten. In einer kleinen Senke am wunderschönen Delpsee ließen wir uns nieder. Auch mit dem Risiko, volle Möhre auf dem Präsentierteller zu wohnen, es war einfach zu schön dort. Und bald hatten wir auch ganz andere Probleme – die Bewohner der Wiese stellten sich vor und zwar immer und immer wieder.

Eine Horde wild bimmelnder Kühe und Wildpferde (Wir haben uns schon gefragt, ob die Kühe die Bimmeln auch hören? Da wird man doch wahnsinnig?), knabberte an der Plane, sabberte am Ärmel und ließ sich auch durch pfiffigste Ablenkungsmanöver einfach nicht beeindrucken. So richtig übel nehmen konnten wir es ihnen nicht – schließlich war das ihr Zuhause und wir nur ungefragt ihre Gäste über Nacht. Aber auch Kühe werden mal müde (und still) und irgendwann gab es nur die Berge, den See vor der Nase und uns. War genauso, wie es sich anhört. Und ein nacktes Bad im eiskalten Bergsee ist eh das Tollste, was man auf dem Berg machen kann.

Abstiege, wild gewordene Bauern und andere Kehrseiten

Am nächsten Tag liefen wir zur Abwechslung mal gerade aus um einen Berg rum und nicht rauf und runter. Wir legten einen Zwischenstopp am Fuße des Lerchkogels ein und wurden prompt mit oberbayrischer Gastfreundschaft belohnt. Bei Café und Kuchen holten wir uns von den Locals Tipps für unsere Route zum nächsten Schlafplatz. Zumindest in der Erzählung klang das alles ganz nach unserem Gusto und wir liefen Richtung Lederer Alm, um unser versprochenes einsames Plateau mit Wasserzufluss zu finden. Vielleicht war es die Hitze, vielleicht konnten wir die Zeichen nicht lesen, vielleicht sollte das alles auch genauso kommen. Jedenfalls befanden wir uns schwuppdiwupp im Aufstieg Numero 3 und der hatte es in sich. Vor allem brachte er uns nicht da hin, wo wir hin wollten (eigentlich wollten wir da schon in unser Bett), sondern auf einen schmalen Kamm mit toller Aussicht, dafür ohne Wasser.

Irgendwie hatten wir wohl eine Abzweigung verpasst und irgendwie mussten wir vom Kamm wieder runter Richtung Alm, soviel stand fest. Ein Weg zeigte sich trotz intensiver Suche nirgends, also machten wir uns einen. Einfach runter durchs Geröll und ab dafür. Mit einem gefühlten Gefälle von 100 Prozent rutschten wir uns Meter für Meter runter. War leider auch genauso, wie es klingt und auch nicht ganz ungefährlich. Gott sei dank weiß man erst im Nachhinein, wie so eine Kamm-Schlucht-Situation von unten aussieht. Jeden, der mir dann erzählt hätte, dass er da „runterwandern“ will, hätte ich nämlich lauthals ausgelacht. Aber so ist das mit allen Grenzerfahrungen – mittendrin verflucht man sie und danach ist man irre stolz.

Fertig mit dem Höllenabstieg, füllten wir unter Beobachtung neugieriger Almbewohner unsere Wasservorräte und ließen uns am Fuße des Kotzen nieder (ja der heißt so) – unserem ersten Etappenziel des kommenden Tages.

Beim Bergwandern trifft man bekanntlich nicht nur Tiere allerlei Art, sondern eben auch Menschen und die sind mindestens genauso unberechenbar wie die Tiere. Während man die anderen Wanderer freundlich grüßt (und sich gleichzeitig wünscht, sie wären nicht da), begegnet man verschrobenen Almösis grundsätzlich erst mal mit einer Mischung aus Respekt und Vorsicht. Sie können unheimlich nett und liebenswert sein oder aber völlig durchgeknallt und cholerisch. Wir hatten beides. Von letzterer Sorte prügelte uns einer morgens um sieben lautstark aus dem Zelt. Wir hatten uns am Vorabend ungünstigster Weise nicht nur auf seine Alm, sondern direkt in seinen Arbeitsweg gestellt. Um ein Haar hätte uns die Bergwacht geholt, zumindest wurde lauthals damit gedroht. Sowas kann einen schon nachhaltig verstören, aber am Ende muss man beim Wildcampen wohl mit solchen Erlebnissen rechnen.

Wo wir bei dem Thema wären, das bei aller Bergliebe und Geflashtheit ein wenig die Kehrseite der Medaille ist: wildcampen ist bekanntlich verboten. Zumindest da, wo wir waren und eigentlich ja auch überall außer in Skandinavien. Heißt aller Flexibilität und Spontanität in der Schlafplatzsuche folgt immer auch ein kleiner bitterer Geschmack von Unentspanntheit. Weil man einfach nie weiß, wem da was nicht passt und zum Hörer greift, die Bergwacht auf uns hetzt (oder seine Kühe). Selbst dann geht natürlich die Welt nicht unter. Bis auf das eine Mal haben wir auch keine schlechten Erfahrungen zu berichten. Aber in einen Modus völliger Entspanntheit (und höchsten Verantwortungsbewusstseins Natur und Tier gegenüber) passt das irgendwie nicht rein. Sich früh morgens hinter einer Kapelle vor einem vorbeifahrenden Traktor zu verstecken, weil wir unser Zelt zum trocknen ausgebreitet hatten, ist zumindest so gar nicht intothewild. Witzig und irgendwie auch uncool, muss man so stehen lassen.

Das Finale

Am nächsten Tag ging es zielstrebig auf den Kotzen. Auf 1.700 Metern und nach ausgiebiger Snackpause mit tollem Blick auf den Sylvenstein See weiter in Richtung Stierjoch. Dieser Gipfel hatte uns die vorherigen Tage schon als Orientierung und Angelpunkt begleitet. Früher oder später mussten wir uns diesem Biest stellen: 300 steile Höhenmeter an einem Kamm entlang auf einem Weg, den man höchstens erahnen konnte. Geröll in Schräglage mit nem Haus auf dem Rücken ist mehr als herausfordernd und „leider“ macht genau das so Spaß! An seine Grenzen zu gehen, zu fluchen und einfach kein Ende zu sehen. Und auf einmal ist man doch oben und guckt auf die Errungenschaften der Woche – Schafreuter, Lerchkogel, Kotzen, östliches Torjoch … Alle stehen sie da – majestätisch, gewaltig und wunderschön!

Und sie winken uns zu, als ob sie uns sagen wollten, dem WLAN doch bitte häufiger mal den Stecker zu ziehen und das Hamsterrad anzuhalten. Um das zu tun, was wir alle viel zu wenig tun: sein. Im Moment. Und das einzige, was einem durch den Kopf geht, ist die frische Bergluft. Und die Vorfreude auf ein schrecklich kaltes Bad im Delpsee. Wer aus so einem Moment nichts ziehen und davon zehren kann, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Ich zumindest weiß schon warum ich früher gesagt habe, dass ich eines Tages die Berge heiraten werde. Zurück am Delpsee begrüßten wir unsere tierischen Buddies und nahmen ein wohlverdientes 5 Sekundenbad im kältesten See der Welt.

An dieser Stelle eine kleine, große Hommage an das Element Wasser. Denn auf so einer Bergwanderei wird einem ehrfürchtig einmal mehr bewusst, wie wichtig und wertvoll Wasser ist. Zum trinken, trinken, trinken, kochen, waschen und noch mal trinken. Wir hatten Glück und es war immer ein Fluss, See oder eine Tränke in kalkulierbarer Nähe. Ein Hoch auch auf die gute alte, analoge Wanderkarte mit eingezeichneten Quellen.

Sauber und erschöpft verabschiedeten wir uns vom Delpsee. Wir wanderten auf dem wunderschönen und herrlich unhügeligen Wanderweg um den Schafreuter herum in Richtung letzter Schlafplatz. Der war natürlich der schönste von allen. Zumindest der mit dem romantischsten Sonnenuntergang. Und auch der mit der süßesten Mischung aus Routine, Stolz und Wehmut. Alles richtig gemacht. Einsaugen und möglichst lang konservieren. Das mag für den einen jetzt vielleicht pathetisch klingen. Für den anderen übertrieben, weil er an Steilhängen hochklettert oder den Himalaya sein zweites Zuhause nennt. Für mich war es eine wichtige Erkenntnis, dass man nicht unbedingt um die halbe Welt fliegen muss, um Freiheit zu spüren und sich der Natur hinzugeben. Und um am Ende festzustellen, dass ein kleines grünes Rechteck dir mehr Erholung schenkt als jedes Resortbett in Thailand.

Wildcampen?

Wildcampen ist verboten und wird sowohl in Deutschland als auch Österreich mit Bußgeld geahndet. Dieser Artikel soll nicht dazu ermutigen, es uns nachzumachen. Mehr zum Thema Camping gibt es hier!

Kommentieren