Alleinreisend

Eigentlich sollte dieser Eintrag „einmal surfen und zwei Bier“ heissen, weil das wirklich alles war, was ich an diesem Tag machen wollte. Einmal surfen und zwei Bier. (Punkt!)

Für den Zug um 9.30 Uhr war ich zu müde. Beim Zug um 10.30 Uhr saß ich noch nachdenklich auf dem Sofa, weil ich mir nicht sicher war ob ich wirklich Lust hätte alleine zu fahren. Ich saß im Zug um halb zwölf. Ziemlich spät für einen Tagesausflug.

Das alleine zu reisen nicht immer alleine zu sein heisst, wurde mir in der S-Bahn nach Hamburg-Altona klar. Ihre Frage, ob der Zug nach Altona fahre, entwickelte sich zu einer menschlichen Leidensgeschichte, die mich völlig sprachlos machte. Meine Probleme waren ein Witz dagegen und ihr Leid traf mich so sehr auf dem falschen Fuß, dass ich nicht einmal einen blöden Ratschlag oder ein einigermaßen vernünftiges, aufmunterndes Wort für sie fand. Wir kannten uns nicht und von einem Moment auf den anderen war „einmal surfen und zwei Bier“ der größte Luxus der Welt. Nachdenklich stieg ich aus der Bahn.

Dort lernte ich ihn am Fahrkartenautomaten kennen, weil er und seine Frau auch nach Westerland wollten. Er und seine Frau waren eigentlich er, seine Frau, zwei gutgelaunte Kinder und Gepäck. Eine kleine Familie mit neun(!) Koffern, zwei Tüten, einem Kinderwagen und einer Handtasche, die sich aus Afrika kommend, über Amsterdam und Hamburg, auf dem Weg nach Nordfriesland befand. Für mich ist die Strecke von meiner Wohnung nach Sylt mit einem Surfbrett unter’m Arm schon der Endgegner. Wie auch immer der Trip dieser Familie bis zum Fahrkartenautomaten in Hamburg-Altona verlaufen ist, mag ich mir nicht ausmalen aber die Laune war gut und ihr Gepäck war nun auch mein Gepäck. Und das einer Frau die auch noch mitfahren wollte.

Ein Mann, der sich nicht sicher zu sein schien, fuhr dann doch auch noch mit.

Die Frau war sehr nett. Leider sprach sie so leise, dass ich einen Großteil ihrer Erzählungen nicht verstand. Dummerweise tat ich so, als hätte ich sie verstanden, indem ich immer mal wieder „Ja“ sagte, mit dem Kopf nickte und wohlwollende Geräusche von mir gab. Als sich daraus dann tatsächlich ein Gespräch entwickelte, habe ich mich nicht mehr getraut meine Taktik zu ändern. Wie dumm bin ich? Als wäre so zu tun als würde man jemanden verstehen schon jemals eine gute Idee gewesen. Die Frau war jedenfalls sehr nett, glaube ich.

Es kam wie es kommen musste. In Husum musste unser Zug getauscht werden. Auf dem anderen Bahnsteig wartete schon ein Ersatzzug. Nur war dieser halb so lang und doppelt so voll. Gemeinsam schafften wir es eine Koffer-Surfbrett Parade über den Bahnsteig zu tanzen, wie sie die Nordfriesen noch nicht gesehen haben. Zumindest nach den offenen Mündern zu urteilen, die uns aus den vollbesetzten Abteilen ansahen. Mit anpacken? Fehlanzeige! Nur die Frau von der örtlichen Bahnhofsmission hielt die Tür des Zuges auf (sie sei hier dankend erwähnt!). Welcome to Germany! Mal ehrlich, die Familie macht gerade mit zwei Kleinkindern einen Umzug von Afrika nach Deutschland, hat dabei immer noch gute Laune und ihr regt euch darüber auf, dass der Ersatzzug dadurch evtl. eine Minute später abfährt?

Auf Sylt angekommen trennten sich unsere Wege und ich war wieder alleinreisend. Ich ging surfen, bis mich ein bezaubernder Sonnenuntergang auf den Heimweg schickte. Ich fragte diesmal niemanden nach einer Fahrgemeinschaft, kaufte mir zwei Bier für den Heimweg und dachte darüber nach, wie ich morgens auf meinem Sofa darüber nachdachte, ob ich wirklich alleine fahren sollte.

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