Mörderney (Alleinreisend Teil 2)

Das Leben ist ein Krimi. Als ich morgens im Frühstücksraum einer Pension auf Norderney mein Brötchen schmierte fragte mich die Inhaberin, ob ich aus dem Nachbarzimmer irgendetwas gehört hätte. Ich dachte „welches Zimmer in welcher Etage dieses hellhörigen Hauses meint sie?“ und schüttelte mit dem Kopf.

Die ältere Dame war seit dem Vortag nicht mehr in ihr Zimmer zurückgekehrt, obwohl ihr gesamtes Gepäck noch dort war und sie eigentlich bis Montag bleiben wollte. Es war erst Freitag. Eine Situation die definitiv Grund zur Sorge gab und eine Information, die jedem einzelnen Gast eine ganz eigene Reaktion entlockte. Plötzlich entpuppten sich normale Kurgäste als professionelle Kriminologen, die schon unzählige Fälle gelöst hatten. Andere gingen erstmal eine rauchen.

Ich saß am Rande und beobachtete irgendwie unbeteiligt das Geschehen, da ich weder die vermisste Frau je zu Gesicht bekommen hatte, noch irgendwie interessiert an Kriminalgeschichten war. Ich war in dieser Pension um Urlaub zu machen und auf der Insel, weil der Seewetterbericht mir die Richtung vorgegeben hatte und ich Norderney noch nicht kannte.

Die Inhaberin leitete fortan die Ermittlungen. Mit einem „man erlebt ja so einiges. Jedes Jahr was Neues“, lenkte sie den Fall in meine Richtung. Es seien ja schon „viele merkwürdige Dinge“ passiert und in ihren darauf folgenden Geschichten waren die Hauptdarsteller ausnahmslos alleinreisende junge Männer. Ich vergaß zu kauen und versuchte mich mit einem humorvollen „Keine Angst, so schlimm wird’s nicht!“ aus dem Scheinwerferlicht zu rücken. Da saßen wir nun. Eine Handvoll potentieller Täter/innen und ich als Hauptverdächtiger in 80er Jahre Kulisse untermalt von Panflötenmusik. „Mörderney“ dachte ich und verabschiedete mich für den Tag.

An den nächsten beiden Morgen wurde ich von Klopfen an der Nachbartür mit folgenden kriminologischen Fachgesprächen geweckt. „Muss wohl schon morgens sein“ dachte ich jeweils und stand auf. Beim Frühstück stellte sich an beiden Tagen heraus, dass die vermisste Frau noch immer nicht aufgetaucht war. Das bot Stoff für weitere Ermittlungen beim morgendlichen Kaffee, denen ich mich schnellstmöglich entzog um an den Strand zu kommen.

Nun fragt ihr euch sicherlich, wie der Krimi ausgegangen ist!? Ich weiß es nicht. Nur soviel: „Verdächtige Personen“ gibt es auf Norderney während der Saison mehr als genug und ich habe kein Alibi. – Alleinreisend.

 

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